„Nicht richtig planen zu können, gehört aktuell zu den größten Herausforderungen auf Milchviehbetrieben.“ – Ramona Berbecker

Zukunftssichere Kälberhaltung: Bauen Sie für heute oder für die nächsten 15 Jahre?
Planen Sie aktuell einen neuen Kälberstall? Denken Sie über eine Erweiterung Ihrer Aufzucht nach? Oder möchten Sie die Gesundheit und Leistung Ihrer Kälber verbessern? Dann stehen Sie früher oder später vor derselben Frage wie viele andere Milchviehhalter: Wie investiere ich heute, ohne in wenigen Jahren erneut umbauen zu müssen? Für Ramona Berbecker, Beraterin bei Hofkonzept und Topcalf-Partnerin für Nordrhein-Westfalen und Hessen, ist genau das eine der größten Herausforderungen, vor denen Milchviehbetriebe derzeit stehen. Als Beraterin und aktive Milchviehhalterin erlebt sie täglich, wie Betriebe versuchen, die richtige Balance zwischen Tierwohl, Arbeitseffizienz, Investitionskosten und zukünftigen Anforderungen zu finden.
„Durch die eigene Milchviehhaltung zu Hause sieht man tagtäglich Herausforderungen, die gelöst werden müssen. Genau deshalb kann man die Betriebe sehr praxisnah beraten.“
Investitionen in die Kälberaufzucht erfordern Weitblick
Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten sieht Ramona viele Milchviehhalter, die ihre Kälberaufzucht weiterentwickeln und verbessern möchten. „Man sieht definitiv die Motivation, die Betriebe weiter zu optimieren und zu verbessern.“ Gleichzeitig gibt es viele offene Fragen rund um zukünftige gesetzliche Vorgaben. Besonders Themen wie Platzangebot, Gruppenhaltung und Paarhaltung sorgen für Unsicherheit.
„Was wird künftig Pflicht? Wann wird es Pflicht? Und wie viel Platz muss ich letztendlich einplanen? Das sind Fragen, die wir nahezu täglich hören.“
Das ist nachvollziehbar. Einen Kälberstall baut man nicht für fünf Jahre, sondern oft für mehrere Jahrzehnte. Niemand möchte heute in ein System investieren, das in wenigen Jahren bereits wieder angepasst werden muss. Gerade die Unsicherheit über zukünftige Anforderungen ist für viele Milchviehhalter eine große Herausforderung. „Die Welt verändert sich schnell und dadurch ist Planungssicherheit für viele Unternehmer schwierig geworden.“
Mehr Platz wird immer wichtiger
Auch wenn niemand genau vorhersagen kann, wie die zukünftigen Vorgaben aussehen werden, erkennt Ramona eine klare Entwicklung: Die Anforderungen an Tierwohl und Platzangebot steigen kontinuierlich. „Früher haben wir über zwei Quadratmeter pro Kalb gesprochen. Heute reden wir immer häufiger über drei oder sogar vier Quadratmeter.“ Deshalb empfiehlt sie Milchviehhaltern, nicht nur die aktuellen Mindestanforderungen im Blick zu haben. Ein zukunftssicherer Kälberstall bietet nicht nur ausreichend Platz für die Bedürfnisse von heute, sondern berücksichtigt auch die Erwartungen von morgen. Wer jetzt baut oder modernisiert, sollte deshalb genügend Flexibilität in die Planung integrieren.

Ein guter Kälberstall beginnt nicht mit Beton und Stahl
Bei Neubau- oder Umbauprojekten liegt der Fokus häufig auf Stallmaßen, Buchtenaufteilungen und Bauzeichnungen. Für Ramona beginnt erfolgreiche Kälberaufzucht jedoch mit einem durchdachten Gesamtkonzept.
Dabei spielen verschiedene Faktoren zusammen:
- Kälbergesundheit
- Tierwohl
- Arbeitseffizienz
- Stallklima
- Licht und Belüftung
- Tränke- und Fütterungssysteme
- Zukunftsfähige Stallgestaltung
„Die Kälberhaltung sollte nicht nur den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Sie sollte auch Arbeitszeit sparen und den größtmöglichen Komfort für das Kalb bieten.“ Erst das Zusammenspiel dieser Faktoren entscheidet darüber, wie erfolgreich ein Aufzuchtsystem langfristig funktioniert.
„Arbeitseffizienz, Tierwohl und die Einhaltung rechtlicher Vorgaben sind für mich die wichtigsten Punkte.“
Die Kälberbetreuer nicht vergessen
Ein Aspekt, der nach Ramonas Erfahrung häufig unterschätzt wird, ist die Rolle der Menschen, die täglich mit den Kälbern arbeiten. „Manchmal wird die Person, die die Kälber tatsächlich versorgt, gar nicht in den Planungsprozess einbezogen.“ Dabei wissen gerade diese Mitarbeiter oft am besten, wo Arbeitsabläufe verbessert werden können und welche Aufgaben besonders zeitaufwendig sind.
Fragen wie Wie möchte ich künftig tränken?, Wie viel Arbeitszeit möchte ich täglich investieren? oder Welches System passt am besten zu meinem Betrieb? sollten bereits in der Planungsphase beantwortet werden. Denn selbst ein technisch perfekt geplanter Stall kann im Alltag Probleme verursachen, wenn die Arbeitsabläufe nicht stimmen.
Praxisbeispiel: Bessere Luft, gesündere Kälber
Wie groß der Einfluss eines durchdachten Haltungskonzepts sein kann, zeigt ein Milchviehbetrieb, den Ramona bereits seit vielen Jahren begleitet. Die Kälber wurden dort in einem geschlossenen Stall mit Schlauchbelüftung gehalten. Trotz gutem Management traten regelmäßig Atemwegserkrankungen auf. „Die Kälber haben häufig gehustet. Man hat gemerkt, dass sie trotz guten Managements unter erheblichem Stress standen.“
Gemeinsam mit dem Betriebsleiter wurde das gesamte Haltungssystem analysiert. Schließlich entschied man sich für eine Kombination aus Gruppenhaltung und zusätzlichen Außenhütten, wodurch ein Teil der Aufzucht bewusst nach draußen verlagert wurde.
Die Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten. „Man sieht heute ganz andere Tageszunahmen. Die Kälber wirken deutlich vitaler und auch der Arbeitseinsatz hat sich verbessert.“ Nach Aussagen des Betriebsleiters stieg nicht nur die Gesundheit der Tiere, sondern auch die Freude an der täglichen Arbeit. „Es macht einfach mehr Spaß, mit gesunden und vitalen Kälbern zu arbeiten.“
Für Ramona zeigt dieses Beispiel, wie wichtig es ist, nicht nur einzelne Symptome zu bekämpfen, sondern das gesamte Haltungs- und Managementkonzept zu betrachten.

Von anderen Milchviehhaltern lernen
Um Landwirte bei diesen Herausforderungen zu unterstützen, organisiert Ramona regelmäßig Masterclasses für Milchviehhalter, Tierärzte und Berater. Der Mehrwert liegt dabei nicht nur im fachlichen Inhalt, sondern vor allem im Austausch unter Praktikern. „Bei unseren Masterclasses sind immer Menschen dabei, die wirklich aus der Praxis kommen.“ Gerade durch den Erfahrungsaustausch entstehen häufig neue Ideen und Lösungen, die direkt auf dem eigenen Betrieb umgesetzt werden können.



In die Kuh von der Zukunft investieren
Letztlich dreht sich für Ramona alles um eine zentrale Frage: Welche Entscheidungen helfen einem Milchviehbetrieb langfristig weiter? Ihre Antwort ist eindeutig: „Die Betriebe, die heute großzügig und mit Weitblick planen, werden am Ende den Unterschied machen.“ Denn gesunde Kälber bilden die Grundlage für gesunde und leistungsstarke Milchkühe.
„Ein vitales und gesundes Kalb braucht optimale und großzügige Haltungsbedingungen.“ Deshalb hat sie für Milchviehhalter, die über ihre nächste Investition nachdenken, eine klare Botschaft:
„Jede Investition in eine bessere Kälberaufzucht macht einen großen Unterschied für die zukünftige Milchkuh.“
Oder anders gesagt: Wer heute in seine Kälber investiert, investiert in die Zukunft seines gesamten Betriebs.